Der Messejob ist zur Zeit etwas entspannter,weil das Wetter nicht mehr so herbstlich ist und weil die meisten Menschen arbeiten sind. Und trotzdem lernt man eine Menge über Menschen, was mir zum Teil auch zu denken gibt.
Ich habe festgestellt, dass ich definitiv in den Dienstleistungssektor gehöre. Ich arbeite gerne Menschen, kann unabhängig von meiner Laune ein Lächeln hochschrauben und habe ab und zu auch mal einen spontanen Spruch auf Lager. Dennoch weiß ich manchmal nicht, ob ich Menschen mögen soll.
Gestern hatte einer unserer Gäste an unserem Stand einen Herzinfarkt. Eine Bekannte von ihm rannte panisch auf mich zu und forderte mich auf den Notruf zu rufen. Ich habe in dem Moment nur noch reagiert, den Notruf gerufen und wusste dann nicht, was ich weiter noch hätte tun können. Zu dem Zeitpunkt hatten andere Gäste schon mit der Reanimation begonnen. Darüber war ich irgendwie heilfroh. Klar, man musste vor dem Führerschein einen Kurs in erster Hilfe belegen, aber was hängen geblieben ist, ist doch irgendwie minimal, und dieses Halbwissen dann in einer Stresssituation korrekt abzurufen fällt dementsprechend schwer. Der Notarzt hat geschätzte 15 Minuten gebraucht, in der Zeit bin ich schon über das Messegelände von Information zu Information gerannt und habe nach mobilen Defibrilatoren und dem Saniraum gefragt, die sich irgendwo in unserer Nähe befinden sollten, was ich durch Zufall von meiner Kollegin unabhängig vom Notfall erfahren habe. Als ich dort ankam wurde mir in recht unfreundlichem Ton das erste Mal mitgeteilt, dass ich den internen Notruf hätte wählen sollen, anstatt dem normalen Notruf 112 und der Notarzt kurz vor mir den Raum verlassen habe.
Der Mann wurde versorgt, seine Bekannten tauchten heute nocheinmal auf um sich bei uns zu bedanken, weil wir dann Wasser etc. verteilt haben,damit nicht auch noch einer von ihnen umfällt, von daher weiß ich inzwischen auch, dass es ihm den Umtänden entsprechend gut geht.
Dann ging das Theater aber erst los: Es tauchten nach ungefähr einer Stunde ein Haufen Schlipsträger auf, die alle nocheinmal die Ereignisse erklärt haben wollten, und im ersten Anlauf ebenfalls unfreundlich daraufhinwiesen, dass wir doch wohl über den internen Notruf informiert sein müssten und dass der im Telefon der Kollegin am "Caravan Club"Info-schalter eingespeichert ist. Später stellte sich heraus, dass dieser von ihrem Telefon aus doch nicht funktioniert, ich also komplett richtig gehandelt hatte, was ein anderer Schlipsträger dann auch eingestand. Er fragte dann auch tatsächlich, ob ich Verbesserungsvorschläge hätte, wo ich dann ersteinmal richtig aufblühte. Als ich vorschlug, vor jeder Messe eine kurze Schulung durchzuführen was im Notfall zu tun ist, Hallenpläne durchzugehen und auszugeben, auf denen Saniräume, Notausgänge und Notrufnummern verzeichnet sind, denn all das kommt bei mir kleinem Studenten ganz unten in der Hackordnung nicht an, sah er mich verdutzt an und meinte, dass meine Agentur mich eigentlich über sowas hätte informieren müssen. Dass meine Agentur selbst was die Hygieneschulung angeht sagt, dass ich einfach immer nicken soll, wenn mich das Gesundheitsamt was fragt behielt, ich für mich. Die Agentur ist der Meinung es reicht, wenn ich nett zu den Gästen bin, Einheitslook trage und mir ab und zu die Hände wasche. Wir arbeiten ja nur mir Lebensmitteln.
Er meinte dann noch, wir sollten darauf achten, ob die Familie des Mannes nocheinmal hier auftaucht und uns Namen und Anschrift der Familie, sowie des Krankenhauses geben lassen. ich vermute man will was schicken, um für Ruhe zu sorgen.
Die Quintessenz des Ganzen erinnert mich ein bisschen an die Gutachten über die Loveparade in Duisburg. Niemand will Schuld sein, niemand hat einen Fehler gemacht. Die Menschen in höheren Positionen schon garnicht, nehmen wir doch lieber die kleinen Angestellten in die Mangel. Wir wurden dabei noch recht pfleglich behandelt, im Gegensatz zu unserer Hostess vom Info-schalter. Man braucht ja jemanden, falls die Familie doch auf die Idee kommt zu klagen. das Problem ist eben, dass Niemand daran denken will, dass etwas passieren könnte, also wird dieser Fall außen vor gelassen. Hat 5 Jahre geklappt,klappt dieses Jahr auch wieder, wenn wir diese Informationen weglassen sparen wir Arbeitszeit und Kopien. Vielleicht tut sich ja nun was, den netten Anzugträger von meiner Agenutr hab ich seit dem nicht mehr gesehen, ich glaube ich frag mal nach, ob man nun Notfallpläne verteilt oder an die Kassen nagelt oder ähnliches.
Und ich habe mir eine typische Beamtenangewohnheit zugelegt. Da jeder Gast der erste sein will,schaue ich einfach niemandem mehr in die Augen, bis ich mit der vorangegangenen Bestellung durch bin. Alles andere gibt nur unnötig Stress.Und dann geben sie mir 50 ct. in 10,5,2 und 1 Centstücken und ich darf alles nachzählen. Oder sie kommen mit einem 100 Euroschein und sind erstaunt,dass ich nicht wechseln kann. Ich stehe dann da und denke "lächeln und winken" Und dann gibt es noch meinen Spültypen, der inzwischen schon einmal geschmissen hat und am nächsten Tag doch wieder aufgetaucht ist. Er war einmal Tanzlehrer, hat das aber aufgegeben, weil sich alle Frauen in ihn verliebt haben. Ds ist aber auch schon 10 Jahre her(er ist 26).
Menschen sind komische Wesen.
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